Bedrohen Algorithmen die Geschlechtergleichstellung?

Hate Speech im Netz betrifft vor allem Frauen*.

Ein Kommentar von Şirin Tiryaki

Hate Speech ist ein fester Bestandteil der digitalen Welt. Die Betroffenen: vor allem Frauen*. Dazu tragen die Algorithmen sozialer Netzwerke maßgeblich bei.

Vor wenigen Tagen war es wieder so weit: der feministische Kampftag oder auch Weltfrauentag ließ alle Stimmen für die Geschlechtergleichstellung laut werden. Allein in Berlin kamen mehrere tausend Menschen zusammen, um für Selbstbestimmung, gleiche Bezahlung und Repräsentation auf Führungsebene zu demonstrieren. Auch die digitale Welt war voller Zitate und Aufrufe zum Weltfrauentag. Dabei geht gerade vom digitalen Raum, in dem wir uns alle mehrere Stunden am Tag aufhalten, eine Gefahr für die Geschlechtergleichstellung aus. 

Silencing von Frauen* auf Social Media

Hate Speech auf Social Media lässt häufiger Frauen* verstummen und sorgt dafür, dass diese sich weniger an digitalen Diskussionen beteiligen. Das kam bei einer Studie mit deutschen Facebook-Nutzer:innen heraus. Hate Speech begegnet Nutzer:innen im Netz häufig in Form von einer gewaltvollen, bloßstellenden und beleidigenden Art der Meinungsäußerung. Die Präsenz dieser Kommentare wird vom Algorithmus verstärkt, da dieser die Kommentare, die sowieso schon viel Aufmerksamkeit bekommen, höher rankt, sodass sie noch sichtbarer sind. Daraus ergeben sich in vielerlei Hinsicht Gefahren für Personen, die gewaltvolle Äußerungen im digitalen Raum erleben müssen.

Antwort des Europarats auf Hate Speech

Hate Speech ist ein internationales Problem, demnach gibt es auf europäischer Ebene bereits einige Initiativen, die auf die Gefahr hinweisen. 

Der Europarat rief 2013 das No Hate Speech Movement ins Leben, bei dem vor allem junge Menschen gegen Hate Speech und für Menschenrechte einstehen. Es folgten andere Initiativen: Leitfäden für den Umgang mit Hate Speech, eine neue Zuständigkeit für die Anti-Diskriminierungsstelle des Europarats, die nun auch Hate Speech beobachten soll und eine Definition von Hate Speech, bereitgestellt vom Ministerkomitee des Europarats. 

Insbesondere das Fokuspapier “ECRI General Policy Recommendation No. 15 – on combating hate speech” verdeutlicht, dass der Europarat das Thema Hate Speech ernst nimmt und konkrete Tipps für den Umgang damit bietet. Auch wenn das Wort “women*” in einigen Dokumenten über Hate Speech auftaucht, gibt es noch deutlichen Nachbesserungsbedarf. Die Bedeutung von Algorithmen, die in der Lage sind diskriminierende Strukturen online umzusetzen, werden kaum berücksichtigt. 

Hate Speech muss intersektionell gedacht und vor allem marginalisierte Gruppen müssen davor geschützt werden. Die Verantwortung dafür liegt aber nicht nur bei Regierungen, die eine konkrete Gesetzesgrundlage schaffen müssen, sondern auch bei Unternehmen, zu denen große Techgiganten wie Facebook gehören. Sie müssen einen gewaltfreien, inklusiven, digitalen Raum bieten. Hate Speech bedroht uns alle, aber einige gesellschaftliche Gruppen besonders, die es durch konkrete Maßnahmen und gemeinwohlorientierte Algorithmen zu schützen gilt. 

*Frauen bezieht sich auf alle Personen, die sich als weiblich definieren.

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