Menschenhandel – Das Geschäft mit der Menschenwürde

Menschenhandel Human Trafficking Europe

Ein Feature über Menschenhandel in Deutschland von Corinna Völker

Menschenhandel – das klingt nach einem Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Tatsächlich passiert dieses grausame Verbrechen jeden Tag und das weltweit mit zunehmender Häufigkeit. Was für die Täter:innen aufgrund des geringen Investitionsbedarfs und des geringen Risikos ein lukratives Geschäft ist, ist für die Opfer höchst menschenverachtend. Ein Artikel über ein Thema für das nicht selten das Bewusstsein fehlt, der Menschenhandel in Deutschland.

Menschenhandel im 21. Jahrhundert

Der Ausdruck Menschenhandel bezeichnet in der Europaratskonvention zur Bekämpfung des Menschenhandels die „Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit […], zum Zweck der Ausbeutung.” Demnach liegt also Menschenhandel vor, wenn eine Person angeworben, transportiert oder beherbegt wird, um sie durch Täuschung, Drohung, Gewalt oder Ausnutzen von Hilflosigkeit dazu zu zwingen, eine ausbeuterische Tätigkeit auszuüben. Das bedeutet, dass Menschenhandel nicht voraussetzt, dass Opfer aus dem Ausland rekrutiert werden. Ebenso wenig muss es tatsächlich zur Ausbeutung kommen. Diese kann in vielen verschieden Formen auftreten. 

Anders, aber immer grausam

Die wohl häufigste Form in Deutschland ist die sexuelle Ausbeutung. Beispielsweise kann es hierzu kommen, wenn dem Opfer ein gut bezahlter Job als Servicekraft in der Gastronomie in Aussicht gestellt wird, dann aber gezwungen wird, sexuelle Handlungen durchzuführen. Wichtig ist zu unterscheiden, dass Prostitution nicht mit Menschenhandel gleichzusetzen ist. Prostitution ist in Deutschland eine legitime Erwerbstätigkeit, bei der sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung angeboten werden. Der Begriff Prostitution ist allerdings negativ konnotiert. Um die Selbstbestimmung von Sexarbeiter:innen nicht zu verleugnen, wird der Begriff der Sexarbeit verwendet.

Neben der sexuellen Ausbeutung, spielt auch die Ausbeutung der Arbeitskraft eine Rolle. Bei dieser Form des Menschenhandels beuten die Täter:innen ihre Opfer aus, indem sie sie zwingen unter sklavenähnlichen Bedingungen zu arbeiten. Das zeichnet sich zum Beispiel durch Nichtvergütung bzw. unverhältnismäßig geringe Bezahlung, zu hohe Abzüge für Vermittlung, Unterkunft, Verpflegung, unzumutbare lange Arbeitszeiten, keinen Anspruch auf Urlaub sowie mangelhafte Arbeitsschutzstandards. Nach dem Bundesweiten Koordinierungskreis e. V. käme Arbeitsausbeutung in Deutschland in erster Linie in Branchen vor, in denen es einen hohen Personalbedarf gibt, der Einstieg durch geringe erforderliche Qualifikationen aber relativ einfach ist. Das seien haushaltsnahe Dienstleistungen, wie die häusliche Pflege oder Haushaltshilfe, das Baugewerbe, die Landwirtschaft, die fleischverarbeitenden Industrie oder die Hotel- und Gaststättenbranche.

Schließlich gibt es weitere Ausbeutungsformen. Das Strafgesetzbuch nennt zu den oben genannten die Ausbeutung zur Bettelei sowie zur Durchführung von Straftaten. Außerdem handelt es sich laut Strafgesetzbuch auch um Menschenhandel, wenn einer Person rechtswidrige Organe entnommen oder eine Person in Sklaverei, Leibeigenschaft oder ähnlichen Verhältnissen gehalten werden soll. Der Bundesweite Koordinierungskreis e. V. macht darüber hinaus darauf aufmerksam, dass weitere Formen des Menschenhandels existieren. Beispielsweise, wenn Menschen zu einer Heirat gezwungen werden sollen.

Meistens weiblich und sexuell ausgebeutet

Wie gravierend die Lage in Deutschland ist, ist nicht bekannt. Es gibt keine bundesweite, umfassende und fundierte Statistik zum Thema Menschenhandel gibt. Laut Bundeslagebild 2019 des Bundeskriminalamtes gab es 427 Opfer sexueller Ausbeutung, 43 Opfer von Arbeitsausbeutung, 23 Opfer von Ausbeutung zur Ausübung von Straftaten und ein Opfer von Ausbeutung zur Bettelei. Allerdings dürfte die Dunkelziffer wesentlich höher liegen, denn erfasst werden nur die abgeschlossenen polizeilichen Ermittlungsverfahren. Die Opfer sind Menschen jeder Geschlechtsidentität, jedes Alters und vieler verschiedener Herkunftsländer. Bei der sexuellen Ausbeutung sind die Opfer überwiegend weiblich, bei der Arbeitsausbeutung hingegen männlich. Bezüglich der Nationalität, wurde häufig die Deutsche, die Thailändische, die Nigerianische, die Bulgarische, die Ungarische, die Rumänische und die Weißrussische erfasst. Opfer aus Deutschland stellen, wenn auch mit geringem Abstand, die größte Gruppe dar. Grund dafür ist, dass Deutsche ihre ausbeuterische Tätigkeit häufiger anzeigen als Migrant:innen. Migrant:innen haben oft Sprachbarrieren und sind weniger über die Gesetzeslage informiert. Deshalb dürfte der tatsächliche Anteil wahrscheinlich geringer sein. Letztlich können die Statistiken des Bundeskriminalamtes aufgrund der hohen Dunkelziffer nicht die Realität abbilden und stellen somit nur einen Anhaltspunkt dar. Nicht zu vergessen ist, dass jede Zahl einen Menschen repräsentiert, dessen Menschenwürde missachtet und dessen Seele gebrochen wurde.

Unerfüllte Hoffnung

Sie verlassen ihre Herkunftsländer aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Situation oder auch aus individueller Not und Perspektivlosigkeit. In Deutschland, so hoffen sie, erwarte sie eine bessere Zukunft. Migrant:innen, die in die Hände von Menschenhändler:innen gelangen, treffen dann auf eine grausame Realität. Lisa P. ist eine von ihnen. Die Rumänin wurde durch eine Leiharbeitsfirma an einen fleischverarbeitenden Betrieb in Deutschland vermittelt. Im SWR erzählt sie davon, wie sie täglich bis zu 14 Stunden gearbeitet habe, auch samstags und sonntags. Verdient habe sie damals einen Stundenlohn von 5 €. Die Drei-Zimmer-Wohnung, teilte sich Lisa P. mit sieben weiteren Menschen. Dass sie sich nicht gegen die Arbeitsbedingungen wehrte, lag an ihrer Angst und fehlenden Sprachkenntnissen. Heute lernt sie Deutsch und hat eine Arbeitsstelle mit besseren Arbeitsbedingungen. Dass Lisa P. kein Einzelfall ist, dürfte spätestens bekannt sein, seitdem im letzten Jahr fleischverarbeitende Betriebe mit hohen Coronavirus Infektionszahlen die Aufmerksamkeit auf die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen lenkten. Ein ganz anderer Fall von Menschenhandel, bei dem auch wenig Hoffnung blieb, ist der dem Sandra Norak zum Opfer wurde.

Vermeintliche Liebe

Sie spielen jungen Frauen die große Liebe vor und erzeugen eine emotionale Abhängigkeit. Wie 19 % der vom Bundeskriminalamt erfassten Opfer von sexueller Ausbeutung geriet auch Sandra Norak in die Fänge eines Loverboys. Mit 16 Jahren lernte sie über einen Internet-Chat eine Frau kennen, die nach und nach den Kontakt zu ihrem zukünftigen Zuhälter herstellte. Sandra Norak baute immer mehr Vertrauen zu dem 20 Jahre älteren Mann auf, der angab, sie zu lieben. Er wurde für sie zur wichtigsten Bezugsperson. C, wo sich Norak zunächst unwohl fühlte. Sie gewöhnte sich aber umso mehr daran, je häufiger die Besuche wurden. Selbst als Sexarbeiterin zu arbeiten, wollte Norak jedoch nie. Erst als ihr angeblicher Freund ihr vorspielte in der Schuldenfalle zu sitzen und sie die einzige Person sei, die ihm helfen könne, wird sie genau dazu gedrängt. Aus Angst, dass die vermeintliche Liebe zerbricht, prostituierte sich die damals 18-jährige Schülerin während ihrer Ferien in einem Flatrate-Bordell. Hierbei zahlt der Freier einen einmaligen Eintrittspreis – ganz nach dem Motto „All you can fuck“. Als sie nach ihrer Schulzeit zu ihrem Loverboy zieht, wird sie letztendlich komplett in das Milieu gezogen. Norak berichtet im SWR davon, wie sie in dieser gewaltvollen Welt konditioniert wurde und immer wieder Drohungen fielen wie: „Wir gehen jetzt zu Leuten, da musst du still sein, […] die schießen dir zum Frühstück den Kopf weg“ oder „Wenn du nicht mehr genug Geld lieferst, dann kann ich dich nicht mehr beschützen.“ In ihrer finanziellen Abhängigkeit, aus Angst und aus Hoffnung, doch von ihm geliebt zu werden, schaffte sie es nicht sich zu befreien. Nach 6 Jahren ist Norak psychisch am Ende und ist für ihren Zuhälter nicht mehr profitabel genug. Ihre traumatischen Erlebnisse haben sich auf ihrer Seele eingebrannt, auf ihrem Rücken das Motiv eines Drachens. Es ist ein sogenannter Eigentumsstempel ihres ehemaligen Zuhälters. Heute studiert Norak Jura und setzt sich gegen die Abschaffung von Prostitution ein.

Menschenhandel, Prostitution, GRETA, Europaratskonvention
Rotlichtmilleu

Nachholbedarf in Deutschland

Fälle, wie die von Sandra Norak und Lisa P., gibt es auch heute noch in Deutschland. Mit der Absicht gegen den Menschenhandel stärker vorzugehen, unterzeichnete Deutschland die Europaratskonvention zur Bekämpfung des Menschenhandels. Sie stellt das erste rechtsverbindliche Übereinkommen dar, das Menschenhandel als Menschenrechtsverletzung anerkennt und den Schwerpunkt auf den Schutz der Betroffenen legt. Die im Jahr 2005 verabschiedete Konvention, die bisher von 47 Staaten ratifiziert wurde, trat 2008 in Kraft. In Deutschland erfolgte das Inkrafttreten im Jahr 2013. Die Konvention verpflichtet die Vertragsstaaten zu Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung von Menschenhandel. Betroffene sollen geschützt und unterstützt werden sowie deren Rechte gestärkt werden. Die Strafverfolgung soll effektiv erfolgen. Ebenso werden die Staaten zur internationalen Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Menschenhandel angehalten. Überwacht wird die Einhaltung von der Expert:innengruppe GRETA (Group of Experts on Action against Trafficking in Human Beings), die den Vertragsstaaten Empfehlungen ausspricht. Im Juni 2019 sprach GRETA zum zweiten Mal Empfehlungen an Deutschland aus. Seit der ersten Evaluierungsrunde im Jahr 2015 habe es einzelne positive Entwicklungen gegeben. Viele der empfohlenen Maßnahmen habe Deutschland jedoch nicht umgesetzt. Die Expertengruppe sprach deshalb größtenteils die gleichen Empfehlungen aus. Beispielsweise die Ausarbeitung eines nationalen Aktionsplans, die Errichtung eines einheitlichen Datenerfassungssystems, die Sicherstellung von Entschädigungs- und Unterstützungsleistungen sowie die Stärkung präventiver Maßnahmen.

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