Geschlechtergleichstellung im Schneckentempo

Gleichstellung im Beruf

Kolumne “Frauen? Männer? Menschenrechte!” von Şirin Tiryaki

Der Gedanke der Gleichheit ist ein fundamentaler Teil der europäischen Grundidee. Diese Gleichheit ist nicht exklusiv, sondern inklusiv und gilt ebenfalls für die Gleichheit unter allen Geschlechtern. Von einer Geschlechtergleichstellung sind wir in Europa knapp 60 Jahre entfernt und kommen nur im Schneckentempo voran. Die Gründe, Entwicklungen und die Sichtweise des deutschen Vorsitzes im Europarat, wird die Artikelreihe “Frauen? Männer? Menschenrechte!” aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.


Der Geschlechtergleichstellungsindex 2020 des europäischen Instituts für Geschlechtergleichstellung zeigt wenig Fortschritt und viel Aufholbedarf für Europa. 

Aktuelle Geschlechtergleichstellung in Europa

 
2012 war das Jahr, in dem der Europarat zum ersten Mal eine Agenda zur Geschlechtergleichstellung veröffentlicht hat. Dabei ging es vor allem um die Sichtbarkeit  und den Fortschritt der Geschlechtergleichstellung in den 47 Mitgliedsstaaten. 

Seitdem ist viel passiert. Dieses “viel” sind unter anderem zwei Gleichstellungsstrategien, eine enge Zusammenarbeit mit dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) und eine Kommission für Geschlechtergleichstellung im Europarat. Pünktlich zum deutschen Vorsitz im Europarat hat das EIGE den diesjährigen Index für Geschlechtergleichstellung in Europa herausgegeben, der eine Erschließung von etlichen Daten darstellt. Dabei geht es nicht nur um eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Gleichstellung in Form eines Index’, sondern auch um die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre, die wenig Fortschritt und viel Nachholbedarf zeigen. 

Der Index analysiert die Gleichstellung der Geschlechter in den Kategorien Macht, finanzielle Ressourcen, Arbeit, Zeit, Wissen und Gesundheit. Insgesamt ist ein Index von 67.9 auf einer Skala von 100 für ganz Europa in Fragen der Gleichstellung ersichtlich. Auf der Skala von 1 bis 100 bedeutet “1” totale Ungleichheit und “100” totale Gleichheit. Die ersten fünf Plätze belegen Schweden, Dänemark, Frankreich, Finnland sowie die Niederlande. Deutschland landet auf Platz 13 von 29 mit einem Index von 67.5 und somit unter dem gesamteuropäischen Durchschnitt. 

Frauen* in der deutschen Politik


Blickt man auf die Geschlechtergleichstellung in Deutschland verdeutlicht folgende Lage, wie es um sie aktuell steht: Auch wenn wir seit 15 Jahren eine weibliche Kanzlerin allein an der Spitze haben, sieht die Situation bezüglich der politischen Partizipation von Frauen* weniger rosig aus. Folgende Zahlen verdeutlichen, wie es mit der Geschlechtergleichstellung in der politischen Partizipation in Deutschland wirklich aussieht: 31% der Abgeordneten im Bundestag sind Frauen*, in kommunalen Parlamenten sind 25% der Abgeordneten Frauen* und in der Führung von Rathäusern und Landratsämtern machen Frauen* gerade einmal 10% aller Vertreter:innen aus. Diese Zahlen sind in der Tat nicht aus dem letzten Jahrhundert, sondern vom März 2020. Trotz dieser Zahlen gibt es viele Stimmen, die sich für die Geschlechtergleichstellung in deutschen Parlamenten stark machen, so auch SPD-Bundestagsabgeordneter Niels Schmid via Twitter “Statt Blumen und Präsente: Mehr Frauen in die Parlamente”. 

Politische Teilhabe von Frauen* im Europarat


Sowohl die Gleichstellungsstrategie 2013 als auch die aus dem Jahr 2017 des Europarats sehen das Ziel der Balance von beiden Geschlechtern in der politischen Partizipation sowie der Teilhabe an öffentlichen Entscheidungsfindungen vor. Auch wenn der Frauen*anteil von 37% 2014 auf 41% im Jahr 2019 gestiegen ist, gibt es viel Nachholbedarf. Acht von 47 Außenminister:innen im Ministerkomitee, dem Entscheidungsorgan des Europarates, sind weiblich. In der parlamentarischen Versammlung des Europarates sitzen 40 deutsche Abgeordnete. Leider sind wir auch hier weit von einer Gleichheit entfernt, da gerade einmal 14 der Abgeordneten Frauen* sind. 

Die alarmierenden Daten des aktuellen Index’ sind aber vor allem die, die den Fortschritt angeben. Der Fortschritt in der Geschlechtergleichstellung wird ebenfalls auf einer Skala von 0 bis 100 dargestellt. Als Vergleich werden Werte aus den vergangenen Jahren verwendet. Während die Veränderungen nach 2010 deutlich fortschrittlicher war und  Deutschland sich um 4.9 Punkte im Index verbessert hat, ist kein bedeutender Fortschritt seit 2017 sichtbar. Viele Länder weisen nur noch einen geringe Veränderung Richtung Geschlechtergleichstellung auf. So auch Deutschland mit einer Veränderung von 0.6 Punkten seit 2017.

Es gibt auch positive Entwicklungen 


Trotz der ernüchternden Entwicklungen zeigt der Index auch, dass der größte Fortschritt in den letzten Jahren bei der Machtverteilung der Geschlechter gemacht wurde. Dabei gibt es eine Veränderung von mehr als 10 Indexpunkten seit 2010. Dennoch bleibt der Macht Aspekt, der auch die politische Teilhabe von Frauen* einschließt, der am wenigsten ausgeprägte Teil der Geschlechtergleichstellung. Während die Gleichstellung im Bereich der Gesundheit am weitesten fortgeschritten ist, gibt es besonders viel Nachholbedarf in der politischen sowie ökonomischen Teilhabe von Frauen*.  

Schneckentempo in der Gleichstellung 

Können wir noch 60 Jahre auf eine vollständige Geschlechtergleichstellung warten?


Die Geschlechtergleichstellung in Europa kommt in einem Schneckentempo voran. Mit einem Index von 67.9 von 100 sind wir 60 Jahre von einer kompletten Geschlechtergleichstellung, also einem Index von 100, entfernt.  Diese Gleichstellung betrifft die Hälfte der Weltbevölkerung Das bedeutet, dass die Hälfte der Weltbevölkerung und somit auch die Hälfte der europäischen Bevölkerung eine systematische Ungleichheit erfahren. Diese wird vor allem sichtbar in der politischen Teilhabe von Frauen*, die die Mitgliedsstaaten des Europarats, trotz langjähriger Strategien, bis jetzt nicht vollständig umgesetzt haben, “Without gains in power, gender equality would be barely progressing”, zu Deutsch: “Ohne Zunahme in Macht, wird die Geschlechtergleichstellung kaum fortschreiten”. 

“Without gains in power, gender equality would be barely progressing”

European Gender Equality Index

Dass wir auf eine Geschlechtergleichstellung 60 Jahre warten sollen, ist für alle Beteiligten ernüchternd. Unsere europäische Grundidee ruht auf dem Gedanken der Gleichheit. Diese Gleichheit ist nicht exklusiv, sondern inklusiv und gilt auch für die Gleichheit unter allen Geschlechtern. Eine Geschlechtergleichstellung ist nicht nur ein Menschenrecht, sondern auch essentiell für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Länder, die weit vorne in der Geschlechtergleichstellung agieren, gelten als sicherer. Sie führen seltener bewaffnete Konflikte und verhalten sich im internationalen Vergleich friedlich. Dass die Geschlechtergleichstellung zu weniger militärischen Konflikten führt, wenn Staaten die Gleichstellung in der Bildung und der politischen Partizipation bestärken, geht aus der Studie von Inclusive Security aus dem Jahr 2015 heraus.

Das Schneckentempo, das wir in Europa fahren, sollte zeitnah von allen Abgeordneten im Europarat und dem deutschen Vorsitz auf Formel 1 Niveau gebracht werden. 

Was die Frauen* im Europarat zum Schneckentempo in der Geschlechtergleichstellung sagen und was der deutsche Vorsitz von den Ländern, die weit vorne in der Gleichstellung sind, lernen kann, schließen sich diesem Artikel als Reihe an. 

*Frauen bezieht sich auf alle Personen, die sich als weiblich definieren.

Infovideo zum Gender Equality Index

2 Gedanken zu „Geschlechtergleichstellung im Schneckentempo“

  1. Danke für den aufklärenden Artikel. Hoffe es wird häufiger die Gleichstellung erwähnt und es erfolgt nicht mehr im Schneckentempo sondern Formel 1 Tempo 😀

Schreibe einen Kommentar zu Erdal Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.